

Glockenbachblues August
Ach meine lieben Mitspaziererinnen und Mitspazierer, kennen Sie diese seltsamen Assoziationsketten, die manchmal von vollkommen alltäglichen Situationen ausgelöst werden? Ein paar alte Flyer am Boden erinnern an einen schönen Abend vor Jahren, an einen Flirt, vielleicht eine heiße Nacht. Essensgeruch zieht aus einem Fenster und Omas Gesicht erscheint, der Sonntagsbraten der nur bei ihr so unvergleichlich schmeckte, kommt aus den Tiefen der Erinnerung wieder hoch. Leider funktioniert das aber nicht nur mit Kindheitserinnerungen und den Freuden vergangener Nächte. Sondern auch mit der Kollektiverinnerung vergangener Gräuel.
Eine Demonstration, Reden, gut gelaunte Menschen. Ein paar Störer, Polizei, Pfiffe, Buh-Rufe, kochende Emotionen. Am Schluss bleiben ein paar Transparente im Staub liegen. Und das Gefühl, von der Geschichte eingeholt zu werden. Denn die Demonstration war der CSD 2008. Nein, nicht der in Moskau und auch nicht der in Budapest. Sondern in München, Marienplatz. Und die Nazis mit den Transparenten zeigen nicht die hässliche Fratze der Hooligans und braunen Skins. Sondern ihre adretten Gesichter, junger deutscher Durchschnitt. Es sind keine Gestalten, wegen denen man die Straßenseite wechseln würde oder den U-Bahn-Sitz. Solche hatte ich während der Fußball-EM im Wagon. Hass im Gesicht, Rassismus im Gesang, Gesocks, das sich gehen lässt im Rausch des Alkohols und der eigenen Brutalität. Pöbel, vor dem ich körperliche Angst habe, sicher aber keine politische.
Doch diese Gesichter auf dem CSD machen mir Angst. Dieses triumphierende Grinsen beim durch die Polizei erzwungenen Abzug, die kämpferisch erhobene Faust. Leute, die sich ihrer eigenen Überlegenheit zum Kotzen sicher sind, Herrenmenschen 2.0 auf ihrem Weg in eine längst überwunden geglaubte Vergangenheit. Wie sicher vor solcher Brut fühlten wir uns in München, weitab von der hässlichen Wahrheit ostdeutscher ausländerbefreiter Zonen und brennender Asylantenheime. Wie leicht fiel es uns, Schwule und Lesben zu bedauern, die in Belgrad und Warschau im Steinhagel rechtsradikaler Vaterlandsretter versuchten, nichts weiter als ihre Menschenrechte auf die Straße zu bringen. Und zu wieviel Selbstbetrug waren wir fähig, um zu glauben, dass das alles für uns nicht gilt? Nur weil es in München (noch) keine Thor-Steinar-Boutiquen in der Innenstadt gibt und die Nazis im Straßenbild nicht weiter auffallen? Natürlich wissen wir alle, dass nicht jeder Glatzkopf mit Springerstiefeln und Fred-Perry-Shirt ein schwuler Fetischfreund auf dem Weg zur Party ist. Aber wir bilden es uns gerne ein, denn diese Vorstellung ist angenehmer als die schmutzige Realität.
Wir leben hier in einer Stadt, die sich in den letzten Jahrzehnten zu einer liberalen, im weltweiten Vergleich fast einzigartig homofreundlichen Metropole entwickelt hat. Doch so wenig wie München Bayern ist, so wenig ist die Politik der Stadt Meinung aller ihrer Bürger. Während bei der London-Pride Militärformationen mitmarschieren und die Polizei Imageanzeigen in Pride-Magazinen veröffentlicht, ist es in Deutschland für schwule und lesbische PolizistInnen immer noch eine Mutprobe, offen am CSD teil zu nehmen. Kirchenkritische Flyer des „Bundes für Geistesfreiheit“ wurden von der Einsatzleitung minutiös geprüft, deren Mitglieder am Infostand von uniformierten Staatschützern fotografiert und gefilmt, die Auskunft, welcher Behörde sie angehören, schlichtweg verweigert. Auch das ist CSD in München.
Sicher, in vielen Bereichen sind wir in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber es gibt keinerlei Garantie dafür, dass das auch so bleibt. Und viel zu vieles an diesem wohligen Gefühl allgemeiner Akzeptanz entspringt weit mehr unserem Wunschdenken als den tatsächlich Verhältnissen. Wer’s nicht glaubt, kann ja mal zum Aufreißen in den Kunstpark Ost fahren. Rings um uns verändert sich die Gesellschaft rapide, die Gürtel werden uns enger gezogen. Nicht umsonst gewinnen radikale Parteien an Zulauf, und diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Es gilt längst nicht mehr, den Anfängen zu wehren, denn der Anfang ist längst gemacht. Ich bin mir sicher, dass die Faschos auch beim nächsten CSD wieder aufkreuzen werden, wenn sie es nicht schon vorher beim Hans-Sachs-Straßenfest probieren. Aber, und das stimmt mich zuversichtlich: wir sind aufgewacht. Die Reaktionen auf dem Marienplatz zeigten klar: so nicht mit uns. Hier müssen wir anknüpfen, unsere Feste feiern, wie sie fallen – aber eben auch unseren Feinden keinen Raum einräumen. Vor allem nicht in unseren eigenen Reihen.
Faschisten und Rassisten haben in der queeren Community keine Existenzberechtigung, das ist keine Frage einer politischen Einstellung, sondern des Prinzips der Menschlichkeit. Hier haben wir die Mittel und die Möglichkeiten, braunen Ungeist zu entfernen, und genau hier müssen wir agieren.
Ich bin Sarah Jäckel, wünsche Ihnen einen ruhigen August, wo und mit wem auch immer Sie ihn
verbringen, und werde auch weiterhin nicht den Bürgersteig verlassen, wenn die Glatzen kommen.























