

Glockenbach-Blues im September
Ach meine lieben Mit-Athletinnen und Athleten, wenn ich dieser Tage so durchs Viertel powerwalke, dann wird’s mir richtig olympisch ums Herz. Nicht dass ich mich daran erfreue, dass unsere Leichtathleten auch nicht recht viel schneller waren als ich. So etwas würde mir nach dieser wochenlangen Demonstration lupenreiner Demokratie und feinster Drogentechnik Made in China niemals in den Sinn kommen. Schließlich sind die Methoden scheinheilig und der Sport das Mittel zum bösen Zweck. Zu Tibet habe ich keinerlei Meinung und werde diese auch bestimmt nicht öffentlich äußern. Denn nach der weltweiten Absolution der KP-Diktatur weiss man ja nie, ob die Chinesen hier nicht auch schon jegliche unwillkommene Meinung vollkommen gerechtfertigt unterdrücken.
Ach ja, die Spiele sind vorbei, das Feuer wird jetzt vermutlich auf einem drei Lichtjahre langen Fackellauf von testosterongetränkten Halbmutanten über jeden einzelnen Berg und durch jedes einzelne Tal des Planeten getragen werden, bis es irgendwann in London ankommt. Hoffentlich kommen die Briten nicht in einem Anfall von falsch verstandener Toleranz auf die Idee, in ihrem Stadion die Regenbogenfahne zu hissen. Vor diesen Spielen hätte ich das zwar phantastisch gefunden, jetzt bin ich heilfroh, dass wir unsere eigenen Gay-, Out- und sonstigen Games haben. Die zwar sicherlich auch nicht dopingfrei sind – aber dafür frei von den Heerscharen hochbezahlter Berufslügner, die uns in Peking saubere Spiele verkaufen wollten. Angesichts dieser Farce bin ich auch um jede Sportlerin und jeden Sportler froh, der sich nicht outet. Denn Hand aufs Herz: möchten wir denn wirklich wissen, mit wem diese hochgezüchteten Laborgeschöpfe poppen? Falls das im Leistungsoptimierungsplan ihrer Verbandsdealer überhaupt vorgesehen sein sollte ...
Aber so lange das Spektakel weiterlaufen muss, Weltrekorde purzeln sollen und der Zweite schon der erste Verlierer ist, wird sich daran auch nichts ändern. Doping zur Leistungssteigerung ist einfach zu menschlich. Ob die Tasse Kaffee für den müden Kopf oder die Viagra für das schwache Fleisch – alle pfeifen sich etwas ein. Warum sollten es dann gerade die nicht tun, für die ein paar Plätze hin oder her den Unterschied zwischen Armenhaus und Villenvorort bedeuten?
Wenn man aber mal die moralinsaure „wer gut ist ist gedopt“-Debatte außen vor lässt und die Beijing-Show so nüchtern wie man gerade halt eben so ist betrachtet, fällt eines auf: das Ganze ist zwar unterhaltsam, aber total am Leben vorbei. Können Sie sich mit Leuten identifizieren, die ihr Leben damit verschwenden, endlos vollkommen unsinnige Sportarten wie Doppeltrap und Skeet, Laser Radial, Rhythmischer Sportgymnastik, das Schlagen von kleinen Bällen mit Regenschirmgriffen und das Stemmen absurder Gewichte zu trainieren? Das hat doch keinerlei Glamour und sexy ist das auch nicht. Dabei gäbe es so viele nette Zuschauersportarten, für deren Ausübung auch nicht tausende armer Bauern enteignet werden müssten, um auf deren Land skurril große Stadien bauen zu können.
Unsere Szene – olympiareif!
Die Olympia-Planer sollten sich mal ein Beispiel an unserer kleinen Welt nehmen, da ist nämlich wirklich was geboten. Also, meine Damen und Herren, willkommen zu den Glockenbach-Spielen!
Eine immer beliebtere Disziplin ist das „Freie Besucherabwerben ohne Schiedsrichter“. Ausgetragen wird es vorzugsweise bei Straßenfesten und CSDs. Dazu braucht man lediglich ein paar Promoteams, Shuttle-Busse und zwei bis drei Tonnen Flyer. Das Schöne an dieser Disziplin ist, dass sich die Zuschauer nicht in undurchsichtigen Vergabeverfahren um Karten bemühen müssen, sondern geradezu um sie gekämpft wird.
Für wagemutigere Szenesportler ist das natürlich keine Herausforderung. Echte Gentlemen treten in der „Schnellen Eröffnung“ in den Ring. Gespielt wird auf ein Jahr. Wer in diesem Zeitraum am meisten Lokale aufmacht, hat gewonnen. Eine Disco gibt drei Punkte, zwei für Restaurants und Cafés, einen für ne Kneipe. Das Tolle daran ist, dass alle davon profitieren, denn Bewegung in der Szene schadet sicher nicht, und so viele schöne neue Locations hatten wir auch noch nie.
Die tatsächliche Königsdisziplin aber, sozusagen die hundert Meter der Müllerstraße, ist natürlich wie bei Olympia den absoluten Könnern vorbehalten. Der „Wirtekampf im Münchnerisch-Niederbayerischen Stil“ erfordert eine immense Erfahrung im Umgang mit Rechtsanwälten und Behörden, enorme Kreativität in den Sparten Beleidigung und Unterstellung und noch dazu eine Kondition, die jeden Marathonläufer blass aussehen lässt. Allerdings ist dieser Wettkampf sehr schwierig auszutragen. Denn man braucht dazu eine Traditionsdiscothek, eine Wirtin und einen Wirt in echter Feindschaft, Internetseiten für Schmähbilder und Anrufbeantworter für wilde Tiraden, Türsteherinnen, die sich flankierend ins Getümmel stürzen, Überwachungskameras, Plakatkleber – und wohl auch eine gehörige Portion Lust an der Selbstdemontage und dem Exhibitionismus. Daher war diese Sportart bislang auch nur in seltenen Fällen in höchster Perfektion zu genießen. Der Wettbewerb endet durch Kapitulation eines der Kontrahenten oder mit dem Verkauf des Lokals. Und ist ähnlich sexy und glamurös wie Tontaubenschießen. Und genau so unnötig.
Ich bin Sarah Jäckel, bin sehr gespannt, wie es nach dieser ausgefallenen Sommerpause in unserer kleinen Welt weitergehen wird, und freue mich auf bunte und hoffentlich angenehm gedopte Spiele und einen heißen Herbst zwischen Gärtnerplatz und Bräurosl.























