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Kommentare
Schwere Zeiten
für chronisch Kranke
danke ! gute reaktion . erspart euch wohl einiges ...
Schwere Zeiten
für chronisch Kranke
sehe gerade dass nur die epaper version ...
Schwere Zeiten
für chronisch Kranke
muss mich marcinek leider anschliessen. das sieht ...
Schwere Zeiten
für chronisch Kranke
Dieses Titelblatt ist ja wohl nicht euer ...
Fauler Hüttenzauber?
So ein Affentheater! Die Bude stört ...
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30.10.08 / 15:17

Glockenbacherblues im November 2008

 

Ach, meine lieben Mitspaziererinnen und Mitspazierer, ich muss ihnen ja ganz ehrlich gestehen: in den letzten Tagen bin ich wenig spaziert. Sondern viel gesessen. Natürlich in der ersten Reihe. Und hab’ mir die Welt erklären lassen. Was auch bitter nötig war. Denn um zu verstehen, warum Kapitalisten plötzlich sozialistische Verstaatlichung betreiben, warum Sozis das vehement ablehen, Raffkes Geld verbrennen, das ihnen nicht gehört und wir das mit unseren Steuern bezahlen, damit der Geldautomat auch morgen noch ein paar Kröten ausspuckt, waren schon ein paar lustige Couchabende nötig. Aber jetzt fühle ich mich geistig und moralisch wieder richtig gestärkt. Danke Anne, danke Maybrit, danke Reinhold, ihr habt euren Job toll gemacht! Endlich ist mir klar, dass alle anderen offenbar genau so wenig Ahnung haben wie ich – und das vollkommen in Ordnung finden. Zumindest so lange sie als mediale Allzweckwaffen dafür gut bezahlt werden, rein gar nichts zu wissen. Ja, es war wirklich ein Genuss, saturierte Menschen jenseits jeglicher finanzieller Nöte darüber schwadronieren zu hören, dass die Krise die gesellschaftliche Chance birgt, sich wieder auf wahre Werte wie Kirche und bürgerliche Moral (wahlweise Esoterik, Handarbeiten, Volkssingen oder Verhungern) zu besinnen. Auch Banker, die staunenden Laien wie mir zufrieden grinsend erklären, dass sie die Schrottanleihen ihrer Institute 

privat natürlich niemals gekauft haben, möchte ich nicht mehr missen. Ja, so eine Krise ist doch wirklich etwas feines, da rückt man gleich wieder näher zusammen und kuschelt, denn die nächste Heizkostenabrechnung kommt bestimmt. 

Apropos kuscheln: während die Welt gebannt auf hysterische Börsenheinis starrte, die immer noch nicht kapieren mögen, dass sie ihren Lieblingsspielplatz selbst in eine Hundehaufenwiese verwandelt haben, konnte sich in Bayern die erste Koalitionsregierung seit Heinrich dem Löwen zusammenfinden. Wer tatsächlich gespannt war, wie sich der stärkste Kontrast zu schwarz mit dem Stoiber´schen Nachlass verträgt, kam allerdings nicht auf seine Kosten. Denn mal ehrlich: wenn Sie wenig gelbe Farbe in viel schwarze reinschütten, kommt sicherlich kein Rosa dabei raus. Obwohl ja schon zu hoffen ist, dass die schwule liberale Landtagsriege sich nicht bis auf die Knochen blamieren mag. Aber meine Herren: mit dem Öffnen von Standesämtern für Verpartnerung allein ist es wirklich nicht getan, das fordert ja sogar schon die CSU selber. Da müssen sie sich schon ein bisserl mehr einfallen lassen. Genau so wie alle anderen. Denn wenn uns die Entwicklungen der letzten Wochen eines zeigen, dann dies: das Lagerdenken und die gute alte rechts-links-Logik können wir uns endgültig abschminken. Und das ist mal wirklich gut so. Denn nichts lähmt mehr als das trügerische Gefühl, eh’ schon alles im Vorfeld zu wissen. Die Demokratur in Bayern ist zu Ende gegangen, die bürgerliche Selbstbestimmung hat einen überfälligen Sieg errungen. Für die Szene bedeutet das, dass wir auf unabsehbare Zeit nicht mehr nur auf die tradiert homofreundlichen Parteien setzen können. Lesben und Schwule, die sich selbst eher im bürgerlichen Lager sehen, haben Möglichkeiten zur politischen Betätigung gefunden, die in einem Landtag ohne echten politischen Wettbewerb nicht vorstellbar waren. Und wenn sich irgendwer mit Diversity und bunten Verhältnissen tatsächlich auskennt, dann doch wohl wir. Hier liegt eine echte Chance, mit all unserer Bandbreite Gesellschaftspolitisch auch jenseits der Großstädte etwas zu bewirken.

 

Ich bin Sarah Jäckel, wünsche Ihnen einen krisenarmen November –und viel Spaß beim kuscheln mit wem und woch auch immer.

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