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Kommentare
Schwere Zeiten
für chronisch Kranke
danke ! gute reaktion . erspart euch wohl einiges ...
Schwere Zeiten
für chronisch Kranke
sehe gerade dass nur die epaper version ...
Schwere Zeiten
für chronisch Kranke
muss mich marcinek leider anschliessen. das sieht ...
Schwere Zeiten
für chronisch Kranke
Dieses Titelblatt ist ja wohl nicht euer ...
Fauler Hüttenzauber?
So ein Affentheater! Die Bude stört ...
leo.publigayte.com > City > Kolumne >

25.09.08 / 21:17

Glockenbachblues im Oktober

Ach meine lieben Mitspaziererinnen und Mitspazierer, wenn ich dieser Tage so durch unsere kleine Welt zwischen Sendlinger- und Isartor schlendere, kommt mir so manches surreal vor. Kennen Sie das auch? Alles ist vertraut und trotzdem wirken die Dinge fremd, irgendwie anders. Na dann herzlich willkommen in der neuen Realität. Wenn Sie sich jetzt fragen was zum Geier denn eine neue Realität ist – nun, bis zum Erhalt dieser aufklärenden Postkarte war mir die Existenz der selben auch vollkommen unbekannt. Doch jetzt sehe ich klar: eine neue Realität hat die alte abgelöst. Und es wurde auch allerhöchste Zeit. Schließlich war die alte auch wirklich nicht schön. Da gab es noch Homophobie und Repression, da wurden wir von bösen Parteibonzen, Päpsten und anderen übelwollenden Zeitgenossen nicht gut behandelt. 

Und das hatte eine Ursache: die Unübersichtlichkeit der alten Welt. Da gab es Linke und Rechte, Kapitalisten und Kommunisten, Gläubige und Heiden, Standpunkte und Gegenstandpunkte, ja sogar Menschen, die eine Meinung hatten und die auch noch vertreten haben. Furchtbare Zustände waren das. 

Zum Glück ist das nun vorbei. In der neuen Realität gibt es nur noch das Irgendwie. Darum wird es irgendwie wohl auch vollkommen egal sein, ob die CSU 50 Prozent erreicht oder nicht, ob nun Obama oder Palin regiert, sich die Schröders zurückputschen oder die Grünen in Afghanistan einmarschieren. Denn irgendwie sind sie doch alle gleich, und irgendwie natürlich auch alle ganz furchtbar tolerant. Und gerade für uns Lesben und Schwule spielt es natürlich auch überhaupt keine Rolle, wie sich die Welt weiterdreht. Schließlich haben wir längst alles erreicht, was wir jemals wollten. Unsere Brüder und Schwestern in allen Ländern versammeln sich unter einem farbschonend gewaschenen Regenbogen mit Goldkante, tanzen verzückt zu dem Sound ihrer iPods, kommunizieren unentwegt mit UMTS-Edge-Handys und flickern, tuben und twittern lustig und fröhlich in den Tag hinein. 

Gut, so manche tanzen auch zum Rhythmus der fliegenden Steine, zappeln am Strang und amüsieren sich blendend in Psychiatrien, Knästen und Folterkellern. Das allerdings ersparen sich diejenigen, die sich gleich in der Pubertät umbringen, schon im Vorfeld. Wer die Dinge so vernünftig angeht, wird sich auch nie mit Minderheitenthemen wie Arbeitslosigkeit, Aids und Alter auseinandersetzen müssen. 

Aber das ist in der neuen Realität halt auch nur irgendwie das Problem anderer Leute. Wie so ziemlich alles andere auch was einen halt gerade nicht selber betrifft. In der alten Realität gab es da eine vollkommen verquere Theorie, mit dem weltfremde Spinner versuchten, genau dieses Problem in den Griff zu bekommen. Sie nannten das „Solidarität“. Oder „Brüderlichkeit“. Manche verstiegen sich sogar es „Nächstenliebe“ zu nennen. Ziemlich irre, aber wie gesagt, vorbei ist vorbei. Genauso wie die Kommunisten, die sich das Konzept zwar in Ordensform an die Brust gehängt hatten, es aber in der praktischen Umsetzung beim Bruderkuss bewenden ließen. Erstaunlich nur, dass sich die Christen mit solchen Ideen schon seit 2000 Jahren wacker schlagen. Aber die haben ihre eigenen Regeln schon immer kreativ ausgelegt.

Ja, so ist das halt mit den Realitäten. Die einen haben gleich mehrere, andere haben sie dafür schon längst verloren. Drogen, Politik, Religion und Management sind übrigens die idealen Mittel um die lästige Scheißrealität endlich loszuwerden und zumindest die Chance auf eine Bombenkarriere zu haben.

Das glauben Sie nicht? Na, dann sind Sie offenbar auch noch nicht im aktuellen Realitätslevel angekommen. Im Gegensatz zu einer homophoben Provinzbürgermeisterin aus Alaska, die mit ihrer Kinder, Küche, Kirche-Mentalität entgegen jeglicher gesellschaftlicher Realität wohl demnächst die Bundes-Angie als mächtigste Frau der Welt ablösen dürfte.

 

Ich bin Sarah Jäckel, strebe weder nach irgendwelchen Ismusen noch nach multiplen Realitäten, sondern freue mich schlicht und einfach auf eine geile Zeit im Hier und Jetzt.

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