

20 Jahre Sub-Beratungsstelle
von Uli Trebbin
Fabian* ist schlecht drauf: Der 34jährige Bankangestellte lebt seit zehn Jahren offen schwul – mehr oder weniger. Zurzeit geht es ihm nicht besonders gut. Er ist einsam, hatte schon seit zwei Jahren keinen Freund mehr und mit der Szene steht er sowieso auf Kriegsfuß. Mit seinem Freundeskreis kann er nicht reden: „Die haben nur gut gemeinte Ratschläge parat.“ Zu einer Beratung ins Sub zu gehen, dazu konnte er sich lange nicht durchringen, es kommt ihm wie eine Bankrotterklärung vor: „Man muss doch sein Leben alleine in den Griff kriegen“, glaubt er.
Schwulsein ist ein Krisenfaktor
„Muss man nicht“, sagt Sebastian. Der 42-Jährige arbeitet seit 18 Jahren ehrenamtlich als Berater im Sub. Seine Erfahrung: „Fast jeder schwule Mann kommt immer wieder in seinem Leben in Situationen, wo er eine Beratung gut gebrauchen kann. Man geht ja auch zum Arzt, wenn man krank ist.“ Schwule Männer haben es oft noch schwerer in einer Krise als Heteros, weiß der Berater. Auch nach dem Coming-out werfen sie sich manchmal insgeheim noch vor, dass sie kein „normales“ Leben führen – oft unbewusst. Schließlich werden schwule Jungs mit dem Gefühl groß, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Was, das wissen sie selbst nicht so genau, aber sie spüren, dass sie anders sind. Dieses Gefühl der Minderwertigkeit kommt auch im Erwachsenenleben immer mal wieder hoch – vor allem, wenn man gerade in der Krise ist. Das Schwulsein ist also bei vielen ein latenter Krisenherd, der immer dann aufbricht, wenn’s anderswo sowieso schon brennt.
Eines Abends hat Fabian sich überwunden, geht ins Sub und fragt beim „Infodienst“ nach der Beratung. Wenig später kommt Sebastian die Treppe runter. Die beiden gehen in einen ruhigen Raum im ersten Stock. Fabian weiß gar nicht, wo er anfangen soll, die Situation ist ihm peinlich. Doch nach einer Weile sind die beiden im Gespräch. Fabian hat ein paar „Baustellen“ in seinem Leben angesprochen und hat erzählt, dass er in letzter Zeit oft so traurig ist. Vor allem reden sie über die Szene, den schwulen Chat und seine oberflächlichen Kontakte. Patentlösungen hat Sebastian natürlich nicht parat. In der weiteren Unterhaltung stellt sich aber heraus, dass Fabian gar nicht so unbedingt eine Beziehung will, wie er glaubt. Er stellt fest, dass ihm die Nähe plötzlich zu beengend war – gerade wenn er einen Mann mochte. Warum das so ist, weiß er auch noch nicht, aber überascht hat ihn die Erkenntnis doch. Nach einer Stunde ist das Gespräch zu Ende. Fabian ist erleichtert, fühlt sich ernst genommen. Und es gibt Anknüpfungspunkte für weitere Gespräche. Er macht mit Sebastian einen Termin in zwei Wochen aus.
Baustellen im Leben
„Manche Männer kommen nur einmal mit einer konkreten Frage zu uns, andere öfter“, sagt Sebastian. „Wer nicht persönlich kommen oder anonym bleiben will, kann einen Telefontermin ausmachen.“ Auch für eine längerfristige Begleitung über mehrere Monate sind die Berater offen. Vor allem geht es darum, einen Gesprächspartner für die eigene Lebensgestaltung zu haben, aber auch darum, besser zu verstehen, wie man „tickt“. Bei Fabian stellt sich zum Beispiel nach einer Weile heraus, dass er mit 14 von seinem Schwimmtrainer ein paar Mal unter der Dusche angemacht worden ist. Ihm wird klar, dass er auch wegen dieser Erlebnisse ein schweres Coming-out hatte und dass er deshalb oft Wut und Abneigung gegen andere schwule Männer hat – und manchmal gegen sich selbst. Fabian: „Jetzt weiß ich wenigstens, warum ich zur Zeit so mit mir und der schwulen Welt auf Kriegsfuß stehe. Das macht es um einiges leichter.“
*Name von der Redaktion geändert
Abendberatung des Sub e.V.
Montag bis Freitag, 19:00 bis 22:00 Uhr
Müllerstr. 43, 1. Stock
Telefon: (089) 19446, 19446@subonline.org























